Strausberg hat (k)ein Kino


Zuzügler werden es nicht wissen, aber Strausberg hat ein Kino. Eigentlich ein sehr schönes. Als Kind war ich sehr gerne dort, um mit Argusaugen den beeindruckenden Bildern auf großer Leinwand zu folgen. Argus ist eigentlich eine Redensart aus der griechischen Mythologie. Demnach ließ die Göttin Hera die Geliebte ihres Göttergatten Zeus von dem Riesen Argus bewachen, um ein Schäferstündchen zwischen den beiden zu verhindern. Argus hatte hundert Augen, von denen jeweils ein Teil schlief, während der Rest wachte. So konnte der Riese die Geliebte immer im Auge behalten. Im übertragenen Sinne bedeutet Argusaugen, etwas unaufhörlich und unermüdlich zu beobachten, etwas nicht aus den Augen zu lassen. Hat Strausberg sein Argus aus den Augen gelassen? Ich erinnere mich kaum daran wie lange es keine Vorführung mehr hält und seitdem verfällt, so lange geht es schon ohne. Richtig weg ist es aber auch nicht. Der Schriftzug ist immer noch deutlich sichtbar und das Gebäude fügt sich trotz Verfalls geschmeidig in das Antlitz der Altstadt. Strausberg hat ein Kino, nur Filme zeigt es eben seit langem nicht mehr, es war wohl zu unrentabel.

Gegenwärtig tut sich vermeintlich ein neuer Geldtopf auf. Das Förderprogramm „Aktive Stadtzentren“ wurde in Bund-Länder-Kooperation arrangiert und soll einen Teil des Steuerüberschusses tatsächlich an die Bürger zurückgeben. Natürlich nicht als Auszahlung, sondern als Investitionsguthaben für Kommunen, bei denen innerstädtische Versorgungsbereiche nicht ausreichend funktionieren, aufgrund gewerblichen Leerstands zum Beispiel.  Gefördert werden sollen demnach konzeptionelle Investitionen, die als Einzelvorhaben die zentralen Versorgungsbereiche einer Gemeinde stärken. Mit einem Integrierten Entwicklungskonzept (IEK) für das Stadtzentrum will Strausberg die Voraussetzung für diese Fördermittelzuflüsse schaffen und damit unter anderem das Argus als multifunktionales Kulturkino wiederbeleben.

Aha, zusammenfassend soll also mit einem seinerzeit unrentablen Kino, weil es gegen riesige Kinoketten nicht konkurrenzfähig war, dem gewerblichen Leerstand der Altstadt entgegengewirkt werden. Und das zu Zeiten, wo Streaming-Dienste die Kinoketten wiederum dazu zwingen, sich neu aufzustellen, wie der Indoor-Hochseilgarten in Hellersdorf beispielsweise zeigt. Ich bin gespannt, ob es dafür tatsächlich Geld gibt.

Dabei wäre es wirklich dringend nötig. Es gibt viele Kleinkunstprojekte, die tatsächlich und dauerhaft wirtschaftlich funktionieren. Wenn das Kino zusätzlich der Leinwand eine Bühne bekäme, könnte es für Auftritte regionaler Künstler, feierliche Zeugnisausgaben, Kinderaufführungen, öffentliche Präsentationen usw. genutzt werden. Sofern neben der Kinosessel eine Bistrobestuhlung  und Gastronomie gewährleistet würde, erlange Strausberg eine Ambiente Lokation für Kabarett, Lesebühnen, kleinere Galaabende u. v. m. oder einfach nur ein Bistro, vielleicht sogar mit Live-Musik. Oh ja, wie sehr fehlt Strausberg solch eine Lokation, ein Ort der Kultur und der Kommunikation.  Mit einem stimmigen Konzept kann also womöglich finanzielle Förderung bewirkt werden. Viel wichtiger ist zudem ein Konzept, welches im Einklang mit den Anliegen der Anwohner steht, ausreichend Kulturinteressierte anspricht und sich daraufhin ein Betreiber findet. Ich wünsche mir eine multifunktionale Kulturstätte und vor allem, dass im IEK mit multifunktional auch das gemeint ist, was es bedeutet, und nicht nur außen eine schöne Fassade und innen einen klappbaren Kinosessel.